Claudia Jäger
Vorsitzende der Studienvertretung IDS Pflegewissenschaft, Universität Wien


In der österreichischen Öffentlichkeit immer noch weitgehend unbekannt, aber dafür umso wichtiger – das Studium der Pflegewissenschaft. Ein Blick nach Europa zeigt uns den Beginn des Universitätsstudiums. Bereits in den 50iger Jahren ausgehend von Großbritannien, Polen und Tschechoslowakei führte der Weg über Nordeuropa bis dann 1990 auch in Österreich studiert werden konnte. Mittlerweile findet man pflegewissenschaftliche Studien an mehreren österreichischen Universitäten.
Die Studierenden in Wien haben viel zu tun. Im ursprünglichen IDS (individuelles Diplomstudium) Pflegewissenschaft arbeiten noch rund 600 Studierenden an spannenden, zukunftsweisenden Themen. Problemfelder wie die Versorgung chronischer PatientInnen, Menschen mit Demenz, Palliativ Care oder Angehörigenschulungen gehören zu den Top-Themen. Zukunftsmodelle wie z.B. die „Family Health Nurse“ oder die bessere Versorgung von PatientInnengruppen mit migrantischem Hintergrund sind aktuelle Forschungsgegenstände.


SchauPlatz.biz präsentiert OnlineBlatt-Interview mit Claudia Jäger

Onlineblatt:
Frau Jäger, Sie selbst haben nicht das typische „Studentenalter“ – warum haben Sie sich nach 16 Berufsjahren entschieden an die Uni zu gehen?

Jäger: Ich bin Unternehmensberaterin und war sieben Jahre in der Politik, danach habe ich in einem sozialwirtschaftlichen „Equal“ Projekt gearbeitet. Dort habe auch viel über Gesundheitsprobleme sozial benachteiligter Personen nachgedacht und habe mich in viele Gesundheitsthemen eingelesen. Irgendwann bin ich über eine Publikation von Prof. Elisabeth Seidl gestolpert und habe festgestellt, dass die immer wieder in der Öffentlichkeit diskutierten „Pflegethemen“ an der Universität Wien wissenschaftlich erforscht werden. Da ich nach 16 Berufsjahren und drei Kindern einfach unglaubliche Lust verspürte „wieder mehr mit dem Kopf“ zu arbeiten, bin ich das Wagnis einfach eingegangen und habe inskribiert.

Onlineblatt:
Was genau gefällt Ihnen so an diesem Studium?

Jäger: Da ich selbst nicht aus einem Pflegeberuf stamme und daher keine speziellen Vorerfahrungen habe, interessiert mich eigentlich alles. Jedes einzelne Thema birgt neue Inhalte und spannende Denkansätze. Besonders lehrreich waren die Seminare über Palliativpflege, da das Lebensende und der Umgang mit Sterbenden in der Gesellschaft oft noch sehr tabubehaftet sind. Aber auch die methodischen Fächer sind ausgesprochen herausfordernd und disziplinieren mich, die bisher immer eher „spontan“ und „aus dem Bauch heraus“ agiert hat – ungemein – eine Erfahrung, die ich jedem Praktiker wünsche, sich die Zeit nehmen können, von Grund auf an Fragestellungen heranzugehen und sich hier wirklich zu vertiefen, ist eine sehr schöne Erfahrung.

Onlineblatt:
Was genau machen Sie als Studienvertreterin?

Jäger: Wir sind derzeit fünf StudienvertreterInnen und teilen uns die Arbeit gut auf, wir betreuen ein Internetforum und schreiben viele E-Mails oder beraten am Telefon. Wir bilden ein Netzwerk und unterstützen uns gegenseitig. Sei es nun beim Abwickeln von Formularen, Beihilfen, Stipendien oder der Möglichkeit im Ausland zu studieren. Wir bilden oft die Schnittstelle zum Institut und versuchen durch das „Sammeln“ von Problemen den Ablauf zu vereinfachen. In diesem Studium sind sehr viele verschiedene „StudentInnentypen“ vereint – von der jungen MaturantIn bis zur erfahrenen Stationsschwester oder akademischen Lehrerin. Das macht die Situation so spannend und die Bedürfnisse sehr unterschiedlich. Natürlich kann und darf auch das Netzwerken nicht zu kurz kommen und wir organisieren regelmäßige Treffen, wo sich alle miteinander austauschen können. Weiters vertreten wir die Studierenden in verschiedenen universitären Kommissionen. Alles in allem eine sehr interessante Aufgabe!

Onlineblatt:
Wo werden wir in Zukunft AbsolventInnen der Pflegewissenschaft hören oder sehen? Wo werden sie arbeiten?

Jäger: Bei uns werden echte „PionierInnen“ ausgebildet – das ist ja das ganz besonders spannende daran. PflegewissenschafterInnen werden zum Beispiel in der Lehre und Forschung, in Krankenhäusern, in Pflegeheimen, in der Hauskrankenpflege, in Hospizen, im Qualitätsmanagement, in der öffentlichen Verwaltung oder Organisationen, in Versicherungen, in der Angehörigenbetreuung und das ist jetzt meine ganz persönliche Hoffnung, auch in der Politik zu finden sein. Gemeinsam mit Pflegepersonen, PatientInnen und Angehörigen werden sie helfen, die Zukunft für uns alle zu verbessern und mehr Lebensqualität für kranke aber auch für gesunde Menschen zu sichern. Denn – gemäß den Zahlen der Forschung, die uns Menschen in Österreich in Zukunft ein sehr hohes Alter voraussagen, gibt es hier viele Aufgaben, die wir mit fundiertem Wissen, Herz und Mut für neue Visionen erfüllen können. Ich selbst freue mich schon sehr darauf und bin sehr stolz darauf, eine dieser Personen sein zu dürfen.

Onlineblatt:
Vielen Dank für das Gespräch!